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Die große Traumschleifenflut

Hunsrück Traumschleifen

Brauchen wir im Hunsrück wirklich 120 Traumschleifen?

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder – auch in aller Öffentlichkeit – laut den Kopf darüber geschüttelt, wenn ich las, wie viele Traumschleifen es mittlerweile gibt. Traumschleifen sind Wanderwege, die in der Nähe des großen Bruders Saar-Hunsrück-Steig den Wanderer anlocken (sollen).

Schon als die Zahl von 111 Traumschleifen erreicht war, hatte mein Kopfschütteln Ausmaße erreicht, die Umstehende um meine Gesundheit fürchten ließen. Nun war ich gerade im Rahmen einer Erkundungstour in meiner Heimat im Hunsrück. Als mein Gastgeber erfuhr, dass ich wandern wollte, erzählte er mir, dass es direkt unterhalb des Dorfes einen Einstieg in eine relativ neue Traumschleife gibt. Der Name der Traumschleife ist hier egal, da es mir um das Konzept geht.

Ackerland, blauer Himmel, Markierung für eine Traumschleife

Nur wenige Minuten vom Dorf entfernt befindet sich der Einstieg in die neue Traumschleife (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Nachdem ich mit meiner Frau tagsüber auf dem Nahesteig gewesen war, blieb mir am Abend noch ein wenig Zeit, um die neue Traumschleife zu erkunden. Zwei Stunden hatte ich mir selbst gegeben.

Markierung für eine Traumschleife am Rande einer Wiese

Hier biegt der Traumschleifenpfad vom Weg ins Gebüsch ab (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Es war tatsächlich nur wenige Hundert Meter unterhalb des Dorfes, wo der Weg die Straße kreuzte. Ich folgte ihm nach links in die Felder. Er führt in eine kleines Bachtal, das ich schon bei früheren Spaziergängen erkundet hatte. Hier soll irgendwo in einem kleinen Wäldchen der Eingang zu einer aufgelassenen Schiefergrube versteckt sein, in der die Menschen während des Zweiten Weltkrieges Schutz suchten, wenn feindliche Bomber im Anflug waren. Das weiß ich aus Erzählungen von alten Leuten aus dem Dorf.

Schmaler Pfad führt durch das Gebüsch

Der Pfad führt durch Gebüsch und Jungwald (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Aber diese Grube interessiert mich gerade nicht, ich will ja soweit wie möglich den neuen Weg erkunden. Der erste Abzweig erfolgt an einem Gebüschstreifen. Statt dass die Traumschleife weiter dem alten, übrigens schon zugewucherten Feldweg folgt, weist die Markierung nach rechts auf einen freigeschlagenen Pfad zwischen Gebüsch und angrenzender Weide. Das soll wohl ein wenig naturbelassener wirken, dem Wanderer Abwechslung und Vielfalt bieten, aber dafür das Gebüsch teilweise abzuholzen, grenzt an Schwachsinn. Dort haben Vögel genistet und anderes Getier Unterschlupf gefunden. Naturschutz und Nachhaltigkeit sehen anders aus.

In der Zwischenzeit habe ich erfahren, dass Wanderwege, die als Premiumwanderwege zertifiziert sein müssen, ständig Abwechslung bieten müssen. Einfach mal längere Zeit auf einem schönen Waldweg bleiben, das wird mit Punktabzug bestraft. Hier liegt also der Grund, dass Wanderwege plötzlich nur ein paar Meter parallel zum Wald- oder Feldweg verlaufen, warum hier Gebüsch und Jungwald abgeholzt wird, denn sonst geht die Punktezahl in den Keller.

Das ist Marketing-Wahn. Aber ich vertrete schon länger die Ansicht, dass das Marketing im Wandertourismus genau die Landschaften schädigt, die sie bewerben. Und bei den Verantwortlichen in Rheinland-Pfalz scheint man da besonders ehrgeizig zu sein.

Ackerland, links eine Buschgruppe, darüber blauer Himmel mit kleinen Wolken, der richtige Hintergrund für eine Traumschleife

Das Wetter ist freundlich, versucht mich wohl milde zu stimmen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Noch ein wenig Hin und Her durchs Gebüsch, dann tritt der Pfad wieder ins Freie. Nun geht es quer über den Feldweg von vorhin hinweg und auf den Hügel hinauf. Die Äcker hier auf dem Buckel wurden früher teilweise von meinen Stiefvater bewirtet. Ich erinnere mich vor allem deshalb so gut daran, weil er sie in den 90er-Jahren im Zuge der EU-weiten Flächenstilllegung in eine Wildwiese umgewandelt hatte.

Blick auf die Feldflur, die Äcker sind umgepflügt

Der Hunsrück ist immer noch Bauernland (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Hier hatte ich seinerzeit ein erstes Aha-Erlebnis, was Insekten angeht. Denn im Gegensatz zu den normalen Weideflächen hier im Umfeld war auf seinen Wiesen ein auffälliges Summen und Brummen zu hören er hatte ein wirkliches Insektenparadies geschaffen. Welch ein Erlebnis! Dies war eines von mehreren »Erweckungs«-Erfahrungen, die mich schon damals für das Insektensterben sensibilisierten, das heute (endlich) in den Schlagzeilen ist.

Umgepflügtes Ackerland erfreut das Herz der Bauern, grüner Wald am Horizont das Herz des Wanderers

Fruchtbares Ackerland, aber wo ist der Platz für Insekten? (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Im Zickzack führt der Feldweg nun zu einer Verbindungsstraße zum Nachbarort und darüber hinweg. Schnurgerade geht es weiter bergan, über einen hinweg, bis zum nächsten auf diesem nach rechts, wiederum bis zum nächstem Querweg, auf diesem wieder nach rechts. D. h. ich bewege mich parallel zu dem eben erfolgten Aufstieg wieder auf dem Rückweg zur Straße. Was dieser Schlenker bringen soll, will sich mir nicht erschließen. Er führt zwar an die Ortsgrenze des Nachbarorts, aber bevor er ins Dorf führt, biegt er ja wieder ab. Auch aussichtstechnisch ergibt er wenig Sinn.

Ich überquere also ein paar Hundert Meter von der Stellen, an der ich die Straße eben überschritten habe, diese ein weiteres Mal, nur eben in umgekehrter Richtung. Immerhin, hier überrascht mich direkt neben der Straße ein bienenfreundliches Feld mit Sonnenblumen und anderen Gewächsen, die Insekten anlocken sollen.

Ein Feld mit Sonnenblumen dient hier am Rand der Traumschleife als Bienenweide

Sonnen- und andere Blumen wurden auf diesem Acker am Rand der Traumschleife ausgesät als Bienenweide (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Zwischen den Feldern geht es weiter bergab. Auch hier schlägt der Weg etliche Haken. Warum lassen die Verantwortlichen den Weg nicht gleich auf dieser Seite der Straße verlaufen? Auf mich macht das den Eindruck, als wolle man Kilometer schinden – ein Aspekt, der mir auch bei anderen zertifizierten Wanderwegen wie dem AhrSteig oder der Traumschleife Kupfer-Jaspis-Pfad aufgefallen ist.

Insgesamt soll die heutige Traumschleife eine Länge von ca. 15,5 Kilometern haben. Ließe man die unnötigen Schlenker aus, blieben sicher auch noch 12 oder 13 Kilometer übrig. Den Machern ins Gewissen geschrieben: Die Tendenz bei der Mehrzahl der Wanderer geht heutzutage zu kürzeren Strecken.

Eine große Liege und ein Tisch mit Stühlen, kunststoffüberzogen wir einer Gebüschgruppe

Früher war mehr Holz, heute sind die Wandermöbel mit Kunststoff überzogen. Ist nicht schön, hält aber länger (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Natürlich stoße ich unterwegs auch auf die mittlerweile unvermeidlichen Wandermöbel. Allerdings sind sie hier schon mit Kunststoff überzogen. In Holz sehen sie wesentlich attraktiver aus.

Stoppelfeld, grüner Wald, darüber blauer Himmel

Die Getreidefelder sind abgeerntet, der Herbst liegt in der Luft (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ich erreiche schließlich die Straße nach W., flugs geht es über diese hinweg und dann in leichtem Anstieg hinein in den Wald. Gleich biegt die Traumschleife nach rechts, nun geht es ohne großen Höhengewinn am Waldrand auf den Ort zu. Das warme Abendlicht gibt dem Tal einen friedlichen Anstrich. In solchen Momenten fühle ich mich hier ganz zu Hause.

Friedlich liegt die Landschaft im Abendlicht.

Hier kann ich mich wohlfühlen, auch ohne Traumschleife (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Im Ort geht es dann nach rechts wieder auf die Hauptstraße zu.  Hier begreife ich, dass ich nicht die ganze Traumschleife in zwei Stunden schaffen kann. An einer Übersichtskarte suche ich mir eine Abkürzung, die ich so plane, dass ich zwei große Schlenker auslasse. Das ist relativ einfach, da die Traumschleife danach wieder W. auf der Rückseite passiert. So spare ich mal eben sechs bis sieben Kilometer. Vermutlich habe ich die schönsten Teile der Strecke ausgelassen.

Ackerland, braune Erde, ein Pflug hat tiefe Furchen in der Erde hinterlassen

Das umgepflügte Ackerland spricht Heimatgefühle in mir an (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Nachem ich in W. die Hauptstraße überquert und das Dorf über ein Sträßchen wieder verlassen habe, geht es über einen Hügel Richtung A. Schon ein Stück vor dem Ort treffe ich wieder auf die Traumschleifen-Markierung. Sie führt mich am Waldrand entlang, dann kurz in den Wald hinein und hinüber über eine weitere Verbindungsstraße.

Blick über die Weite der Landschaft: Wiesen im Vordergrund, Gebüschstreifen, Ackerland, eine Dorfsilhouette, darüber blauer Himmel

Gottes gelobtes Land, eine geniale Marketingstrategie beschreibt den Hunsrück (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ich zögere, denn jetzt drängt die Zeit. Kurzentschlossen folge ich erneut nicht dem offiziellen Verlauf, sondern bleibe auf der Straße nach A. Schnell bin ich durch den Ort und kürze nur ein kleines Stück vorbei am alten Feuerwehrteich durch die Wiesen ab. Nach gut zwei Stunden bin ich dann zurück am Startpunkt. Mein Ärger über die Unmengen an Traumschleifen ist abgemildert durch die Schönheit der Landschaft.

Überblick über die Ackerlandschaft, im Vordergrund ein Schattenselfie

Dieses Land ist einfach wunderschön!  (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ich verstehe, dass jeder Ortsbürgermeister am Wanderboom teilhaben möchte. Aber ich frage mich: Wer plant die Wege, wer hält sie instand? Wer gibt das Geld? Und die alles entscheidende Frage ist dann: Lohnt es sich wirklich, dass jede Gemeinde eine eigene Traumschleife hat? Kommen tatsächlich so viele Wanderer, dass es sich am Ende auszahlt?Nicht zuletzt ist aber auch ein Teil der Kritik an die Wanderer zu richten. Wieso brauchen sie ausgewiesene Wanderwege, warum können sie nicht einfach die Natur genießen?

4 Kommentare

  1. Echt witzig – zuviele Schilder??? Ich kann die “Vitaltour Bärenroute” bei Bärenbach empfehlen… Schilder sind Glückssache und Wege, die als solche zu erkennen sind, zum Teil auch. Also wer Überraschungen liebt und sich nicht auskennt….

    • Hans Joachim Schneider sagt

      Hallo Ina, ich vermute mal, dass Dein Kommentar sich nicht auf meinen Beitrag bezieht, sondern auf den vorhergehenden Kommentar einer anderen Leserin. So ganz klar wird mir allerdings Deine Intention nicht. Zuviel Schilder? Ja, das kann es echt geben. Sicher auch zu wenige. Jeder Wanderer ist anders und auch ich kann Zuviel Schilder nicht unbedingt gutheißen. Aber ich liebe auch Abenteuer und habe mich schon oft verlaufen. Das sind für mich dann am Ende die schönsten Wanderungen.

  2. Also……ich mag die Traumschleifen. Ich finde es zwar manchmal auch etwas witzig, wie neue Wege in den Wald geklöppelt werden, weil es verpönt ist, den gemütlichen Waldweg zu nehmen, aber sonst fühle ich mich nach einer Wanderung auf einer Traumschleife tatsächlich sinnlich bereichert. Dass der Weg ausgeschildert ist, empfinde ich als sehr, sehr angenehm. Was mich tatsächlich stört, sind die Kilometerangaben, die alle 2 Kilometer an den Bäumen hängen. Manchmal gibt es auch einfach zu viele Schilder! So gesehen in einem kleinen Birkenwäldchen oberhalb der Cloef, wo sich der Pfad im Zickzack durch das Wäldchen wand. Da es Winter war, konnte ich ungefähr 4 Schilder gleichzeitig im Voraus wahrnehmen.

    Aber mit dem Punkt “Marketing” hast du sicher Recht!

    • Hans Joachim Schneider sagt

      Liebe Aurora, danke für Deine Meinung. Ich finde die Traumschleifen, die ich bisher gewandert bin, auch sehr schön, aber wie im Hunsrück da eine nach der anderen rausgehauen wurde, hat mich doch sehr verwundert. Es ist wie mit den Windrädern im Hunsrück: Ein vernünftiges Maß kennt man da nicht! Schöne Touren für Dich und liebe Grüße, Joachim

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