Allgemein
Kommentare 7

The beast from the east

Große Bahnhofshalle mit denkmalgeschützten Glasdach.

Eine eiskalte Nacht

 Der Winter ist noch einmal kurz zurück mit eisigen Winden aus dem Osten. »The Beast from the East«, so wird diese Kälteperiode auch genannt.

 Es ist Samstagabend. Aus einer launigen Stimmung heraus habe ich mich entschieden, für meine Rückfahrt mit dem Zug von Hamburg nach Bitburg einmal die Nachtvariante zu wählen. Heißt: Ab HH Hauptbahnhof um 22.46 Uhr, Ankunft in Köln gegen 2.56 Uhr. Dann etwas mehr als 3 Stunden Wartezeit, bis morgens kurz nach 6 Uhr der Zug nach Bitburg geht. Was mir erst kurz vor der Abfahrt klar wird: Köln heißt in diesem Fall Köln-Deutz.

Im Deutzer Bahnhof wird nachts wohl kaum ein Lokal geöffnet haben, also überlege ich schon vor der Abfahrt, dass ich ja von Deutz einen kleinen Spaziergang zum Hauptbahnhof machen kann.

Meine Katze bringt mich nach Hamburg zum Hauptbahnhof. Eine Straßensperrung (durch Polizeifahrzeuge mit Blaulicht) lässt uns kurz zweifeln, ob wir den Bahnhof rechtzeitig erreichen. Aber dank des untrüglichen Ortsinns der Katze (schließlich ist das hier ihr Revier) sind wir dann doch rechtzeitig da.

Kaum ist der Zug eingelaufen, habe ich auch schnell ein leeres Abteil ergattert. Dass dieses die ganze Fahrt über kalt bleiben wird, damit habe ich nicht gerechnet. Aber so ist es. Ich fange bereits unterwegs an zu husten. Als wir nach ca. 4 Std. Fahrt in Köln ankommen, bin ich durchgefroren.

Der Spaziergang über die Hohenzollernbrücke ist wunderschön so mitten in der Nacht – wenn mir bloß nicht so kalt wäre! So eile ich mehr als ich gehe. Ich begegne unterwegs keinem einzigen Menschen. Das »Biest aus dem Osten« hat sie alle in die warmen Stuben getrieben. Nur aus den Clubs in den alten Bahnhofsarkaden lärmt umso lauter die Musik. Vor dem alten Wartesaal gibt’s dann auch schon Gerangel. Nicht um die warmen Plätze drinnen. Aggressive Nachtschwärmer haben sich scheinbar in der Wolle gehabt. Aber die Polizei ist schon vor Ort und – ich wundere mich – eine der Polizistinnen macht einen der uneinsichtigen Beteiligten verbal richtiggehend zur Schnecke.

Ich will einfach nur schnell in den warmen Bahnhof. Ernüchtert stelle ich fest, dass alle Lokale hier geschlossen sind. Lediglich zwei, drei Bäckereiableger mit Brezeln und belegten Sandwiches, aber ohne Sitzmöglichkeiten, sind noch geöffnet. Was aber noch schlimmer ist: Die langen Passagen zwischen Haupt- und Hintereingang bieten keinerlei Wärme. Die großen Türen gehen ständig auf, über die Zugänge zu den Gleisen fällt die Kälte geradezu ins Bahnhofsinnere.

Lediglich die mittlere Querpassage ist ein wenig vor den zugigen Winden geschützt. Hier sammeln sie sich dann alle. Die Obdachlosen, die Nachtschwärmer, die Wartenden und die anderen, die in dieser Nacht ein klein wenig Wärme suchen.

In den Ecken, aber vereinzelt auch direkt in den Durchgängen liegen sie mit ihren Schlafsäcken, mancher aber auch nur mit einer Plastiktüte unter dem Kopf direkt auf dem blanken Boden. Ein Pärchen – so vermute ich jedenfalls – liegt regungslos, aber eng aneinandergedrückt, sodass ich mehrfach vorbeigehe, um zu sehen, ob sie sich überhaupt noch regen. Die größte Gruppe stellt in dieser Nacht jedoch das Sicherheitspersonal. Sie alle verhalten sich sehr freundlich, schauen nach den Schläfern, lassen sie aber schlafen.

Einzig der Rewe to go hat noch auf. Hier gibt es sogar noch Sitzplätze. Vier oder fünf nur an hohen Stehtischen, immerhin. Anfangs sind sie alle besetzt. Und die Glücklichen, die einen Platz ergattert haben, halten sich daran fest. Jedenfalls bis ihr Zug kommt, oder was auch immer sie irgendwann fortzieht. Schließlich ergattere ich doch noch einen der Hocker. Um nicht von den Rewe-Mitarbeitern verscheucht zu werden, kaufe ich mir einen Cappuccino und ein Schokocroissant im Laden, womit ich vor mir selbst die Berechtigung erwerbe, dort sitzen zu dürfen. Das wäre wohl gar nicht nötig gewesen. Auch die Mitarbeiter des Shops sind alle sehr freundlich.

Ich ziehe meine Sitzung mit Cappuccino und Croissant so weit wie möglich in die Länge. Gegen vier Uhr heißt es dann auf einmal freundlich: “Können Sie mal kurz etwas zur Seite gehen? Wir möchten saubermachen!” Anschließend nehme ich den Platz wieder ein, packe meinen Laptop aus und schreibe ein wenig an Texten, die überarbeitet werden wollen. In diesem Augenblick meldet sich auch die Katze aus Hamburg. Sie kann nicht schlafen. Ich lasse sie an meinem Erleben teilhaben und sie fühlt mit mir mit. Sie sollte aber besser schlafen.

Nur der Rewe to go hat in dieser Nacht am Kölner Hauptbahnhof geöffnet
Eiskalte_Nacht_am_Bahnhof

Gegen 5 Uhr beschließe ich, meinen Platz zu räumen und noch ein wenig umherzulaufen. Überhaupt scheint jetzt der Moment gekommen, in dem der ganze Bahnhof wieder zum normalen Leben erwacht. Das Sicherheitspersonal weckt freundlich die Schläfer: »Hey, Uwe, aufstehen, es ist an der Zeit.« Die erste Zugdurchsage dringt bis hier unten durch.

Bei einem meiner Rundgänge sehe ich einen jungen Mann, der obenrum nur mit einem dünnen weißen Hemd bekleidet ist. Er fragt zwei Sicherheitsleute nach dem Weg. Was er wohl genommen hat, dass er diese eisige Kälte nicht spürt? Später sehe ich noch einen anderen jugendlichen Nachtschwärmer im dünnen Baumwollstrickpullover. Auch er scheint nicht zu frieren.

Schlüssel klappern, die anderen Läden und Lokale werden bald geöffnet. Immer mehr junge Menschen tauchen auf, aus den Clubs und Discotheken. Sie stammen wohl aus der Eifel oder woher auch immer und nehmen den ersten Zug morgens gegen 6 Uhr, um nach Hause zu kommen. Ich befürchte – völlig zu Unrecht, wie ich später feststelle – eine laute und lärmende Fahrt nach Bitburg.

Das engumschlungene Paar ist auch geweckt worden. Sie sind noch gar nicht so alt. Zufällig kriege ich mit, wie sie nach dem Wecken aufstehen. Sie sind trotz der Tatsache, dass sie scheinbar obdachlos sind, äußerlich noch gut beisammen. Allerdings: Er schiebt einen Rollator vor sich her. Ihr erste Frage an ihn lautet: “Haben wir noch Geld?” Was sie wohl kaufen will? Später sehe ich sie vorm Rewe stehen und Leute ansprechen. Bettelt sie sich das erste Geld zusammen? Aber alle sind freundlich zueinander.

Mich fasziniert dieses Miteinander, ich beobachte und nehme innerlich teil. Als ich mich einmal umdrehe, steht eine Frau vor mir, ihr Alter ist undefinierbar. Ich erschrecke über das tiefe Leid, das in ihrem Gesicht steht. Sie könnte Äthiopierin sein. Sie ist schmächtig, ausgehungert und traut sich fast gar nicht, mich nach Geld zu fragen. Während ich den Bettlern vorher immer nur mit einem freundlich-abweisenden Kopfschütteln begegnet bin, greife ich bei ihr spontan in meine Hosentasche und gebe ihr einen Euro. Sie bedankt sich verschämt und schon ist sie aus meinem Blickfeld verschwunden. Plötzlich tut es mir leid, dass ich ihr nicht mehr gegeben habe. Bei ihr schien es mir wirklich angebracht. Aber sie ist weg. Als ich nach ihr suche, kann ich sie nicht wiederfinden.

Stattdessen läuft mir ein großer Farbiger über den Weg. Er kommt direkt auf mich zu. Ich höre gar nicht genau, was er zu mir sagt. Irgendwas mit neuen Schuhen, so reime ich es mir zusammen. Aufgrund seiner schlechten Zähne nehme ich an, dass auch er bettelt. Spontan greife ich wieder in die Tasche, auch er bekommt einen Euro. Er lacht. Ein Bettler, der mich anlacht?

Er wird mir später wieder begegnen. Da sehe ich, dass er ziemlich neue Sneaker an den Füßen trägt. Habe ich ihn also einfach nur missverstanden. Aber wieder lächelt er mich an. Ich freue mich, lächele zurück.

 Und dann ist es an der Zeit, auf den Bahnsteig zu gehen. 6 Uhr, mein Zug kommt gleich. Auch in diesem Zug zieht es, es ist kalt, ich friere, huste immer öfter. Gegen 9 Uhr bin ich endlich zu Hause, lege mich hin und erwache ein paar Stunden später mit einer Bronchitis. Die Katze in Hamburg schläft wohl auch. Sie hat es sich verdient.

7 Kommentare

  1. Kölner Mitternachtsspitzen. Sehr schön. Ich bewundere deienen Mut, dich im Winter auf eisigen Bahnhöfen rumzutreiben. Bisschen wie Egon Erwin Kischs “Nachtasyl”.

  2. Marion Sörensen sagt

    Mich erinnert Dein Bericht aus Köln an Dagmars “WINTER DER LIBELLE”, ein toller Roman! Mein Hinz und Kunz-Verkäufer bekommt seitdem von mir mehr als den Preis der Zeitung. Eine schöne Beschreibung von Dir, ich hoffe, Du erholst Dich schnell! Gute Besserung wünscht Dir Marion.

  3. Ilka Kappler sagt

    …lieber LÖWE von meiner Großen, das heisst von meiner Daggi…sorry…deiner natürlich, den Artikel hast du sehr gut geschrieben und auch ich war in Kölle vor einem halben Jahr…ja die Menschen sind untereinander, auch wenn es paar gibt die Rangeleien machen, doch sehr menschlich untereinander und auch die Ordnungshüter sind sehr freundlich zu den leider sehr vielen Obdachlosen, ja sie dürfen abends bis in den Morgen liegen wo sie wollen…; ich finde es echt toll wie ihr euch lieb habt und was ihr für Entfernungen und damit auftretende Probleme meistert, ja so ist das eben mit der LIEBE. Liebste Grüße von mir, dem Hasi, wie mich deine Daggi lieb nennt, der Phoenix alias Ilka, dem Spatz aus Dresden. Werde mehr von euch lesen und hören, bin ja ständig in Kontakt mit Daggi…, dann erhole dich mal gut…

    • …lieber LÖWE von meiner Großen, das heisst von meiner Daggi…sorry…deiner natürlich, den Artikel hast du sehr gut geschrieben und auch ich war in Kölle vor einem halben Jahr…ja die Menschen sind untereinander, auch wenn es paar gibt die Rangeleien machen, doch sehr menschlich untereinander und auch die Ordnungshüter sind sehr freundlich zu den leider sehr vielen Obdachlosen, ja sie dürfen abends bis in den Morgen liegen wo sie wollen…; ich finde es echt toll wie ihr euch lieb habt und was ihr für Entfernungen und damit auftretende Probleme meistert, ja so ist das eben mit der LIEBE. Liebste Grüße von mir, dem Hasi, wie mich deine Daggi lieb nennt, der Phoenix alias Ilka, dem Spatz aus Dresden. Werde mehr von euch lesen und hören, bin ja ständig in Kontakt mit Daggi…, dann erhole dich mal gut…

      • Liebe Ilka, schön, so von Dir zu lesen. Danke für die lieben Worte. Und ja, ich bekommen natürlich auch immer Deine Kommentare zu Daggis Beiträgen mit und freue mich darüber.

Kommentar verfassen