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Wandern ist in

Eine Wiese mit Bäumen, Frühdunst über der Landschaft, zauberhaft leuchtendes Licht

»Wandern ist in«. So lautete die Titelstory einer Ausgabe des Magazins Focus im Jahre 2005. Und der Trend ist – über 15 Jahre später – immer noch ungebrochen. Aber schon bevor prominente Bekenner wie Manuel Andrack Wanderbücher verfassten, konnten deutsche (aber auch internationale) Wanderregionen steigende Besucherzahlen registrieren. Ist aber Wandern nur eine neue Modeerscheinung wie Power Yoga, Tai Bo oder Chi Gong? 

Ein großes Büschel Wollgras, vor einem Moortümpel, drumherum leuchtet die braune Torferde

Das Himmelmoor bei Quickborn. Am ruhigsten ist es ganz früh (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Es lohnt sich, den Motiven derer, die es hinauszieht in die Eifel, in den Harz, in den Schwarzwald, auf die Europäischen Fernwanderwege oder einfach nur in die Berge, auf den Grund zu gehen. Mag sein, dass Wandern eine kostengünstige Art ist, Urlaub zu machen. Aber das gilt nicht erst seit heute. 

Ein Rucksack, ein Zelt, auf einer alten Holzbank

Mehr braucht es eigentlich nicht, um zu sich selbst zu finden: einen Rucksack, ein Zelt und ab und zu eine Holzbank (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Wandern hat besonders in Deutschland eine lange Tradition. Es gibt kaum ein anderes Land, in dem Wandern so gut durchorganisiert ist wie hier bei uns. Regionale Wandervereine kümmern sich seit Jahrzehnten um die Anlage und Pflege von Wanderwegen. Überregional haben sie sich zusammengefunden zum Deutschen Wanderverband. Mittlerweile gibt es im zertifizierungssüchtigen Deutschland sogar ein Qualitätssiegel für Wanderwege, das nicht nur den Wanderweg, sondern auch die touristische Infrastruktur in der näheren Umgebung des Routenverlaufs berücksichtigt.  Es gibt inzwischen sogar weltweit organisierte Massenveranstaltungen, bei denen Hunderte von Wanderern Kilometer sammeln – 50 oder gar 100 Kilometer pro Tag müssen es schon sein. 

Ein kahler Winterwald, wie ein Versprechen brechen Lichtstrahlen von links oben durch die Bäume

Der Wald ist noch kahl, der Himmel blassblau, aber das Licht wirkt schon wie ein Versprechen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Aber all dies ist nur ein Teil des Phänomens „neue Lust am Wandern“, dessen Wurzeln tiefer zu suchen sind als im Leistungsstreben der Kilometerfresser. Es ist auch nicht nur das Vergnügen an der körperlichen Betätigung, obwohl auch sie sicher ihren Anteil an der Faszination des Wanderns ausmacht.

Felsen, wie ein Tisch, weil oben flach, ein Wanderer mit Rucksack unter grünen Bäumen

Die Battertfelsen bei Baden-Baden: Eigentlich beliebte Kletterfelsen, aber landschaftlich auch für Wanderer attraktiv (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Wer den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, jedoch keine Lust hat, sich den finanziellen, technischen und sozialen Regeln eines Fitness-Centers zu unterwerfen, braucht etwas anderes. In den Bedingungen des heutigen Arbeitslebens, das bestimmt ist durch die fremdbestimmte Arbeit am Computer oder – wenn auch immer seltener – an der Maschine, das regiert wird durch Telefon und Termindruck, hat der Mensch weitgehend seine Wurzeln verloren. 

Mächtige weiße Wolken an einem ansonsten blauen Himmel, darunter im Grün der Landschaf am Horizont ein einsames, fast winzig wirkendes Haus

Der Mensch ist klein, beim Wandern kommt er zu seiner wahren Größe (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Aber was verloren ist, ist nicht einfach ausradiert. Es gibt weiterhin das Bedürfnis nach Wiederanbindung, nach einem selbstbestimmten Rhythmus und nach wohltuenden, heilen(den) Bildern für Auge und Seele. Wo ließe sich das alles leichter finden als draußen, bei der Bewegung in der Schönheit ursprünglicher Landschaft außerhalb städtischer Ballungszentren, bei der selbst auferlegten Anstrengung, bei der Auseinandersetzung mit den Mächten der Natur, von Wind und Wetter. Hier kann der Mensch sich selbst erleben, seine eigenen Herausforderungen suchen und sich daran immer wieder aufs Neue messen.

In schlichtes Holzkreuz trägt das Symbol des Jakobspilgerweges, darüber schneebeladene Zweige einer Fichte

Wandern auf spirituellen Pfaden, jederzeit, auch im Winter (Foto: Hans-Joachim Schneider

Beim Wandern kommt der Mensch zu sich, findet Ruhe und Gelassenheit. Eingebunden in die Natur findet er wieder zu seinem eigenen Rhythmus. Am einfachen Naturerlebnis gesundet die Seele und befreit sich vom Alltagsstress. 

Frühnebel im Tal, am Himmel zartrosa Wolkenfetzen

Solche Bilder erlebt nur, wer in der Morgendämmerung wandert. (Ftoto: Hans-Joachim Schneider)

Wandern ist Aktivurlaub, ist Freude an der Bewegung, ist Erleben der eigenen körperlichen Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit. Wandern ist aber auch Meditation, ist Einkehr: Der wandernde Mensch findet zurück zur Freude an den einfachen Dingen: ein Sonnenuntergang, eine blühende Bergwiese, ein murmelnder Bach, der Wind in den Zweigen, ein erklommener Gipfel.

Ein kleiner Bergbach springt über felsiges Gestein.

Loslassen, fließen wie Wasser. Was könnten wir doch alles davon lernen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Und auch die körperlichen Bedürfnisse reduzieren sich wieder: auf einen Schluck frisches Wasser, einen herzhaften Apfel, ein Stück Käse auf der Hand, ein Stück knuspriges Brot; all dies verheißt kleine Glücksgefühle, wie der hektische Büroalltag sie nicht mehr kennt.

Weiße Kalkfelsen über dem Meer, darüber blauer Himmel

Der Königsstuhl auf Rügen, den will man doch als Wanderer nicht auslassen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Die Anstrengung des Weges, freiwillig auf sich genommen, schenkt neue seelische Kraft. Der Dialog mit der Natur wird zum Dialog mit sich selber. Ja, wer will, findet in der Bewegung und im Aufenthalt draußen auch zur Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten. Wer weiß schon, wie viele Menschen Angst davor haben, nachts alleine in fremder Umgebung, in freier Natur im Zelt zu schlafen. Wer diese Angst kennt, erfährt aber auch das Aufgehobensein unter einem nächtlichen Sternenhimmel. Wandern – das bedeutet nicht schnellen Konsum zur schnellen Bedürfnisbefriedigung – Wandern das ist ein achtsames Spüren nach den Wurzeln des eigentlichen Seins. 

Grüne Laubbäume, zwischendrin ein zerklüfteter Felskopf, das alles unter blauem Himmel mit weißen Wolken

Eigentlich nur ein Felskopf unter wolkenbedecktem Himmel, aber auch Magie der Natur (Foto: Hans-Joachim Schneider)

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