05 Okt Geyerlay-Hängebrücke – Hunsrück im kollektiven Höhenrausch
Geierlay: Die längste Hängeseilbrücke nördlich der Alpen am 3. Oktober 2015 im Hunsrück feierlich eröffnet.
Die Geierlay – längste Hängeseilbrücke Deutschlands – rief, alle kamen: Die Anspannung vor dem großen Tag war gewaltig. Die Anstrengungen, die man in der Hunsrück-Gemeinde Mörsdorf unternommen hat, um dieses vor 10 Jahren als Vision entstandene Projekt Wirklichkeit werden zu lassen, waren noch viel gewaltiger.
Am Samstag war es dann endlich soweit. Dank einer Einladung durch den Mörsdorfter Bürgermeister Kirchhoff (ein Parteiloser, eigentlich ein (Achtung Kölner, jetzt kommt’s) Düsseldorfer, konnte ich an der Eröffnungszeremonie teilhaben.
Vorab ein Lob für die Feuerwehr
Das Wetter spielte mit, strahlend blauer Himmel, angenehme Temperaturen. Treffen gegen 10 Uhr am neuen Besucherzentrum. Die Feuerwehr regelt den Verkehr – wie ich später feststellen werde, auch an der Hängeseilbrücke. Habt ihr gut gemacht, muss mal erwähnt werden.
Vor der Halle eine ganze Menge Leute, darunter auch ein paar von der illustren Sorte. MdLs und MdBs, die Ministerin, Landräte und, und, und. Die zuständigen Touristiker – etwas abseits in einem Grüppchen. Ich geselle mich zu ihnen. Keiner weiß so richtig, wie der Morgen ablaufen soll. Dann plötzlich, wie auf ein geheimes Signal, setzt sich der ganze Tross in Bewegung.
Es sind knapp anderthalb Kilometer bis zum Brückenkopf der neuen Hängeseilbrücke Geierlay oberhalb des Taleinschnitts, in dem unten der Saar-Hunsrück-Steig verläuft. Die Schar der eingeladenen Gäste zieht in entspannter Aufgekratzheit Richtung Hängeseilbrücke auf der Mörsdorfer Seite.
Unterwegs fällt mein Blick dann auf eine zweite Gruppe von Wanderern (???), die in die gleiche Richtung marschieren. Die haben sich wohl zu einem einheitlichen Auftreten verabredet!?
Drangvolle Enge am Brückenkopf
Am Brückenkopf wird’s eng, schwierig einen guten Platz zum Fotografieren zu finden. Aber es gelingt. Dann Ansprachen vom Bürgermeister, der kurz die Enstehunggeschichte von den ersten Phantasien bis zur Realisierung erzählt und sich bei etlichen Mitstreitern (und Gegnern) bedankt.
Dann Reden von …, dann wieder der BM, er hat was vergessen, ein paar Leute zu erwähnen, dann die Ministerin, dann wieder der BM, ihm sind noch ein paar Leute eingefallen, die er ebenfalls vergessen hat. Das alles aber in heiterer, gelöster Stimmung. Es wird viel gelacht, gelächelt und geklatscht.
Dann die Taufe durch den Gewinner des Namenswettbewerbes, er – so hieß es im Vorfeld – darf auch die Brücke einweihen,. Das kommt in meinem Kopf so an, als sei er der erste, der drüberlaufen darf. Nun noch der kirchliche Segen und endlich ist es soweit: Frau Lemke zerschneidet das rote Band und marschiert mit BM Kirchhoff als erste los. Sollte nicht der Namensgeber als Erster drüberlaufen dürfen?
Und alle überwinden ihre Angst
Und jetzt ist es auf einmal wie verhext: Etliche Besucher haben vorher davon gesprochen, dass sie sich nicht trauen werden, aber sie alle kennen kein Halten. Sie alle sind auf der Brücke unterwegs. Auch direkt vor mir geht jemand, der vorher behauptet hat, zuviel Angst zu haben.
Mir scheint, alle lassen sich von der kollektiven Begeisterung anstecken. Keiner will zurückbleiben, zu den Ängstlichen zählen (im Nachhinein erfahre ich, dass es doch einzelne gegeben hat, die nach ein paar Metern wieder umgekehrt sind).
Ein bisschen schummrig wird mir schon
Um ehrlich zu sein: Ich bin auch munter drauf losmarschiert. Als die Brücke dann etwas anfing zu schwanken, wurde mir doch ganz kurz schummrig. Kurz links und rechts an den Tragseilen festgehalten, dann ging es wieder. Aufrecht und frei mache ich meine weiteren Schritte – bis die Brücke wieder schwankt. Ich versichere dem ängstlichen Part in mir, dass die Brücke ja seitlich mit Spannseilen abgesichert ist, es kann also nichts passieren.
Die Mitte ist geschafft, die Brücke hält immer noch. Jetzt werde auch ich euphorisch. Und bin dann doch froh, auf der Sosberger Seite anzukommen. Dort warten wieder Feuerwehrleute und regeln den Abgang von der Brücke. Es staut sich, weil sich scheinbar keiner zu weit vom Brückenkopf entfernen will. Sind alle so heiß darauf, gleich wieder zurückzumarschieren? Ich frage einen der Floriansbrüder, ob sie auch die Leute zählen, die jetzt über die Brücke laufen. Nein, diese werden von der Webcam gezählt, aber die funktioniert noch nicht so richtig.
Ich bin drüber
Nein, keiner will bis Sosberg laufen. Etwas weiter oben am Sosberger Hang steht zwar ein kleines Imbisszelt, das wird aber kaum genutzt. Bekommt Sosberg überhaupt etwas ab von dem Rummel an den Eröffnungstagen? Haben die nicht auch zur Finanzierung der Brücke beigetragen. Erste, die zurückwollen, werden von der Feuerwehr zurückgehalten. Zunächst einmal müssen alle, die noch auf der Brücke sind, auf der Sosberger Seite ankommen. Dann erst können wir wieder zurück, erfahr ich von den Feuerwehrmännern.
Endlich ist es soweit. Jetzt geht es auch für mich sehr viel entspannter auf den Rückweg. Die Brücke hat ja die Massen auf dem Hinweg ausgehalten. Und plötzlich ist dann doch Gegenverkehr. Da wird es schon mal ein wenig eng. Aber es geht. Auch Hunde gehören zu den Brückennutzern, aber alle sind angeleint.
Wieder auf der Mörsdorfer Seite angekommen, erhalte ich noch als Bestätigung, dass ich die Brückenüberquerung geschafft habe, ein Bändchen mit dem Aufdruck: Ich bin drüber! Dann geht es entspannt zurück nach Mörsdorf ins Besucherzentrum. Auf dem Rückweg reist der Strom derjenigen, die sich ebenfalls den Adrenalinkick auf der Brücke holen wollen, nicht ab.
Fazit: Alles wird gut
Gut für die Region. Kaffee und Kuchen im Besucherzentrum runden den Besuch ab. Das dortige Personal kommt angesichts des großen Andrangs schon mal ins Schwitzen, bleiben aber trotzdem freundlich. Auch für sie ist es ja das erste Mal.
Es ist noch früh. Wir beschließen, uns an diesem Tag noch einen weiteren Adrenalinkick zu geben. Dazu fahren wir Richtung Nahe. Von der Landstraße Richtung Kastellaun schweift noch einmal der Blick hinüber zur Brücke. Dort ist immer noch viel los. Möge es so bleiben.
Wir fahren nach Hochstetten-Dhaun, um uns auf dem dortigen Skywalk noch einmal das Gefühl zu holen, über dem Abgrund zu schweben. Etwas enttäuscht stellen wir dort fest, dass a) der sogenante Skywalk nur eine kleine Plattform von wenigen Quadratmetern ist; b) dass der Boden nicht aus Glas ist, sondern aus einem Gitterrost besteht; c) dass der darunterliegende Abgrund bei weitem nicht so attraktiv und anziehend ist wie in der in Mörsdorf; und d) dass es auch hier Gegner gab und gibt, die dem Projekt auch jetzt noch nach der Realisierung äußert unwillig gegenüberstehen.
PS Apropos Umweltverschmutzung: Nicht bekannt ist, wie viele Smartphones an den Eröffnungstagen unten im Tal landeten, weil Selfie schießende Besucher ihr Hightech-Gerät beim Schwanken der Brücke vor Schreck aus den zittrigen Fingern fallen ließen.
Pingback:Die Geierlay-Hängebrücke – Deutschlands längste Hängeseilbrücke
Posted at 20:43h, 16 April[…] ersten Beiträge über die Brücke findest Du hier: Hunsrück im kollektiven Höhenrausch! und hier eine weitere Bilderserie […]
Jürgen Korth
Posted at 16:32h, 26 Oktober… würde gerne mal diese Hängebrücke überqueren, aber meine Lebensgefährtin macht sich leider schon beim Anblick einer 2 m breiten Bachbrücke ins Hemd. Schätze, das wird wohl nix mehr …
Hans Joachim Schneider
Posted at 16:36h, 26 OktoberFahren Sie doch mit Ihrer Lebensgefährtin einfach mal hin. Sie kann sich am Einstieg zur Brücke auf eine Bank setzen und zuschauen. Sie sind nach etwa einer halben Stunde wieder zurück. Außerdem habe ich etliche Leute erlebt, die vorher gesagt haben: Nein, das kann ich nicht!, dann haben sie sich aber von der allgemeinen Begeisterung mitreißen lassen und haben die ganze Brücke geschafft. Und eine Person aus meinem näheren Umfeld ist zumindest ein Stück auf die Brücke gegangen und dann wieder umgekehrt. Schöne Grüße, Hans-Joachim Schneider