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Wo ist denn nun der Nahesteig?

Eine Kirche am anderen Ufer

Auf der Suche nach dem Nahesteig

Es fängt an, wie so oft. Ich steh am Startpunkt und hab keinen Plan. Das passiert mir regelmäßig, aber heute ist die Katze dabei. Da sollte mir das doch nicht passieren. Für sie bin ich doch der Wanderheld. Dass ich keinen Peil hab, das ist mir jetzt peinlich. Am Bahnhof von Neubrücke zeigt mir leider keine Markierung, wo der Nahesteig anfängt.

Grünes Hinweisschild an einem Laternenpfahl, das ist aber nicht die Markierung für den Nahesteig

Nein, hier ist er nicht, der Nahesteig – Markierung für einen anderen Nahewanderweg am Bahnhof Neubrücke (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Das Wetter ist hervorragend. Nachdem wir in der letzten Woche wieder kaum erträgliche schwül-heiße Tage hatten, ist es wesentlich kühler – trotz Sonnenschein.

Wegen des Nahesteigs bin ich jetzt hier. Ich tue, was ich sonst auch immer tue, wenn ich erst einmal nicht weiß, wie und wo es weitergeht. Ich laufe zunächst geradeaus. Und tatsächlich finde ich nach ca, 300 Metern das erste Hinweisschild. Weil der Nahesteig nämlich nicht am Bahnhof in Neubrücke anfängt, sondern an einem Wanderparkplatz in der Nähe.

Hinweiszettel am Laternenpfahl, dass der Nahesteig noch nicht durchgehend markiert ist.

Da ist er endlich, der Nahesteig, aber auch der Hinweis, dass der Weg noch nicht durchgehend markiert ist (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Die Markierung schickt uns (die Katze und mich) nach rechts, an einem fast ausgetrockneten Bach entlang. Es sieht aus, als ginge es in einen kleinen Wald hinein, aber, wie so oft, täuscht der erste Eindruck. Wir laufen auf eine alte Bahnüberführung zu, das hat schon fast was Nostalgisches. Dahinter wird der Weg etwas breiter, unter unseren Füßen spüren wir unangenehm groben Schotter. Hinter der Überführung geht es dann auf die nächste Überführung zu.

Altes Eisenbahnviadukt unter grünen Bäumen, darunter führt der Nahesteig hindurch

Alte Eisenbahnunterführung, hier die romantische Variante (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Die ist dann nicht mehr ganz so romantisch. Dafür steht dran: Sie betreten das Gelände der Fa.  Fissler. Die kennt ja jeder – überall in der Welt. Falls die jemand nicht kennt: Das sind die mit den Töpfen. Und die flößt sogar mir noch ein wenig Respekt ein. Auch wenn es hier so aussieht, als würde der Kiesweg an einer Brache enden, wo Müll abgelagert wird.

Noch ein Viadukt, nicht mehr so romantisch, mit Grafiti und einer Wasserlache

Eisenbahnunterführung Nr. 2 am Nahesteig. Das von mir so genannte Fissler-Viadukt, hier eher nicht so romantisch (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Wird hier aber nicht. Der Weg unterhalb des Fissler-Viadukts (Achtung, der Name ist einen Eigenkreation von mir, bitte nicht vor Ort oder bei Tante Google danach fragen) ist durch eine Schranke versperrt, diese lässt sich seitlich passieren. Der Durchlass ist aber nix für dicke Leute. Zum Glück sind die Katze und ich noch einigermaßen schlank.

Flussüberquerung auf Felsbrocken

Flussüberquerung, die erste. Fluss ist übertrieben, es handelt sich um einen fast trockenen Bach, der der Nahe zustrebt (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Hinter dem Durchgang sind wir also jetzt Gäste der Fa. Fissler. Obwohl, da ist gar keiner, der uns begrüßen will. Dafür haben wir im Kopf: Wir sind jetzt auf dem Nahesteig. Noch haben wir die Nahe nicht gesehen, aber wir erahnen sie bereits. Zunächst geht es über ein paar dicke Felsbrocken nach links über einen schmalen Bach. Dahinter sieht es immer noch nicht sehr einladend aus – mehr Baustelle als Wanderweg. Aber nach einem Rechtsschwenk geht es dann zügig in ein offenes Wiesengelände, rechter Hand begleitet von Auwald und Auengestrüpp.

Üppig grüne Auenvegetation auf unserer Seite der Nahe

Erstaunlich grün und üppig trotz der Hitze der vergangenen Tage ist die Vegetation im Auenbereich der Nahe (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Noch immer besteht der Grund, auf dem wir laufen, aus Schotter. Das wird sich auch so schnell nicht ändern. Aber das ist auch das einzige, worüber ich zu meckern hätte. Denn jetzt geht es direkt auf die Nahe zu bzw. zum Auwald auf dieser Seite des Flusses.

Erfolge der Naherenaturierung

Es ist noch gar nicht solange her, dass die Nahe wieder ohne Begradigungskorsett ihren freien Lauf nehmen kann. Aber das, was sie sich seitdem wieder erschaffen hat, ist für jeden Naturfreund beeindruckend. Das Gelände zwischen Weg und Flusslauf ist im Schnitt ca. 30 Meter breit und üppig zugewuchert. Infotafeln zum Naturschutz, zur Renaturierung, aber auch zu geschichtlichen Aspekten sind alle paar Meter zu finden. An den Infopunkten führen jeweils schmale Pfade zum  Fluss.

Meine Liebste, weit voraus, auf dem Schotterweg, links Wiese, rechts Auenwald, darüber der blaue Himmel

Weil ich mir jede, aber auch wirklich jede Infotafel zu Gemüte führe und dann auch noch den schmalen Pfaden zur Nahe hin folge, hängt mich meine Liebste weit ab (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ich kann mich von den Info-Tafeln kaum losreißen, bin überrascht und fasziniert über die reichhaltige Flora und Fauna, die sich nach der Renaturierung wieder angesiedelt hat. Die Katze ist mir weit voraus. Sie sammelt zwar Blümchen für einen Kranz, aber weil ich überall stehen bleibe, wo es was zu lesen gibt, hängt sie mich weit ab.

Langsam wandern (oder Neudeutsch »Slow hiking«)

Hier komme ich gar nicht erst auf die Idee, mir auszurechnen, wie lange wir wohl für den Weg bis zur geplanten Endstation des heutigen Tages in Nohen brauchen. Die Landschaft links und rechts (vor allem rechts) des Nahesteigs ist dermaßen beeindruckend, dass wir glatt jede Durchschnittskilometerleistung weit unterbieten.

Katze mit Krone

Obwohl wir ja nun ohne jedes Tempo unterwegs sind, gehört die erste Ruhebank ganz uns. Sie steht gegenüber der Kirche von Bleiderdingen, die sich majestätisch über dem jenseitigen Ufer erhebt. Hier flicht die Katze ihre Blumenkrone, während ich mich als Artist auf immer kleineren Steinen im Bachlauf versuche. Das geht natürlich irgendwann schief. Vielleicht bin ich ja damit der erste, der sich auf dem Nahesteig nasse Füsse geholt hat.

Das Flussbett der ruhig dahinfließenden Nahe, Steine im Wasser, darüber blauer HImmel mit kleinen Wolken

Je schmaler der Stein, desto nasser der Fuß (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Bald ist dann auch die Krone fertig – allerdings nicht für mich. Nun überqueren wir die Nahe ein zweites Mal und stehen unterhalb der Kirche. Kurzzeitig verliere ich die Orientierung, aber es gibt keine große Auswahl an Möglichkeiten.

Ein Baum, eine Kirche am jenseitigen Flussufer, von der Sonne überstrahlt

Fast schon idyllisch: die Kirche am jenseitigen Naheufer, von der Sonne überstrahlt (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Hinter Bleiderdingen geht es dann wieder leicht bergauf in den Wald. An einem der letzten Häuser des Dorfes begrüßt uns noch ein Gargoyle, eine jener Figuren, die ursprünglich mal als Wasserspeier gotische Kathedralen zierten, heute aber als Gartenfiguren ihr Rentnerdasein fristen.

Gargoyle, eine den alten Wasserspeiern nachempfundenen Figuren scheint aus dem Gartenbeet zu krabbeln

Was will er von uns? Kündigt er Unheil an? Eine der alten Wasserspeiern nachempfunden Steinfiguren (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Bald zweigt ein schmaler Pfad vom – immer noch schottrigen – Waldweg ab. Hier wird das Versprechen Steig endlich eingelöst. Auch wenn der anfängliche Schotterweg durch die Naheauen durchaus seinen Reiz hatte, so ist ein Steig doch eher ein schmaler naturbelassener Pfad. Und den haben wir jetzt unter unseren Füßen. Ein Gedenkstein erinnert an ein Schloss, das hier am Beginn des Pfades mal gestanden haben soll. Ich kann nix erkennen. Stattdessen laben wir uns an wilden Brombeeren.

Infotafel mit Hinweisen zum ehemaligen Schloss Werdenstein

Hier gab es also mal ein Schloss, heute ist davon nichts mehr zu sehen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Das Abenteuer kann beginnen

Ab jetzt wird es abenteuerlicher. Das folgende Wegstück besteht meist aus gut ausgetretenen Pfaden, die auf halber Höhe am Hang oberhalb der Nahe verlaufen. Die Welt scheint auf dem Kopf zu stehen: Von unten leuchten uns blauer Himmel und ein paar zarte Wolken entgegen. Verkehrte Welt im Hunsrück.

Junge grüne Bäume im Wald, unten ein Fluss, in dem sich der Himmel spielgelt

Verkehrte Welt am Nahesteig? Von unten leuchtet uns der HImmel entgegen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Wir genießen die Kühle des Waldes und den weichen Waldboden unter unseren Füßen. Mal geht es leicht bergab bis in eine Senke, wo der Weg wiederum nicht deutlich markiert ist. Zu allem Überfluss liegt hier ein abgehackter Baum quer über einen der möglichen Pfade. Ich bin mir fast sicher, dass das aber der richtige Weg ist und schaffe den Baum – zugegebenermaßen ein noch sehr junger Baum, eher ein Bäumchen – aus dem Weg. Es geht durch eine kleine Schlucht.

Der keltische Baumkreis

Danach steigt der Weg langsam aus dem Wald an, um auf einer großen baumbestandenen Wiese zu enden. Hier stehen ein Haufen Bäume herum und bilden einen Kreis. Aber nicht irgendeinen Kreis, sondern einen keltischen Baumkreis. Dieser unterteilt das Jahr ähnlich wie ein Tierkreis in verschiedene Abschnitte, hier eben Baumtypen ein. Jede Baumart steht für ca. 10 Tage des Jahres. Wer z.B. im Pappelabschnitt geboren ist, der hat die Eigenschaften der Pappel geerbt.

Eine große Wiese im Wald, ein Kreis aus Bäumen, in der Mitte eine offene schutzhütte

Im Zentrum des keltischen Baumkreises befindet sich eine Schutzhütte (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Eine Wiese im Vordergrund, dahinter ein Gegenhang, eine schroffe Felswand, darüber blauer Himmel

Am unteren Ende der Wiese mit dem Baumkreis fällt der Blick auf die Felswand am jenseitigen Hang (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Gut beraten

Und hier ereilt uns dann das Schicksal in Form eines freundlichen Wanderers mit seinem Hund. Die Katze hat sich zum Ausruhen auf einer Bank niedergelassen, während ich noch unterwegs bin, den Baumkreis einmal ganz zu umrunden. Da sehe ich den Fremden ganz ungeniert und freundlich auf meine Frau zugehen. Teufelnochmal! Das muss ich verhindern. Als ich endlich bei der Bank ankomme, hat er aber schon ein Gespräch angefangen.

Er fragt, wohin wir wollen bzw. wie weit wir noch zu laufen gedenken. Als er hört, dass wir bis nach Nohen laufen wollen, um dann mit dem Zug nach Neubrücke zurückzufahren, stellt er die Frage, die unseren schönen Plan komplett umschmeißt: Ob wir denn sicher sind, noch eine Bahnverbindung zu ergattern, die uns auch wieder zurückbringt?

Und schon stecken wir mitten in der Lokalpolitik: Von Landräten und Bürgermeistern, von Wahlversprechen und deren hinterlistigen Auswirkungen. Der Mann ist nett, man könnte fast meinen, die Engel hätten ihn geschickt. Aber unser schöner Plan ist im Eimer.

Kurzfristige Planänderung

Nun, um ehrlich zu sein: So wie wir am Anfang getrödelt haben, hätten wir das Teilstück bis Nohen eh nicht geschafft. Aber dank der Infos über die (fehlende) Bahnverbindung können wir uns wunderbar entschuldigen, dass wir nicht den ganzen Weg schaffen werden.

Unterwegs habe ich schon immer gesehen, dass es auch in Heimbach einen Bahnhof gibt. Und Heimbach ist viel näher als Nohen. Aber noch sind wir nicht da. Denn der abenteuerlichste Teil liegt noch vor uns.

Eine große Weidefläche, inmitten des Waldes, der Verlauf des Nahesteigs ist hier kaum zu erkennen

Über diese grüne Wiese muss er verlaufen, ein bisschen raten muss ich schon (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Tapferkeitsmedaille für die Katze

Es ist ein Wegstück, das den Nahesteig definitiv zu einem Steig macht. Zunächst geht es über eine große Wiesenfläche, dann aber durch einen fast versteckten Einstieg hinein in den Wald. Stellenweise ist der Pfad sehr schmal, steigt dabei stetig an. Der Hang, an dem er entlangläuft, ist teilweise sehr steil. Wer hier abrutscht, dürfte eine schöne Rutschpartie vor sich haben. Das ist nichts für Leute mit Höhenangst.

Meine Katze aber schlägt sich tapfer. Sie jammert überhaupt nicht. Und das, obwohl ich ihr am Morgen zu den falschen Schuhen geraten habe. Vorsichtig wie Katzen nunmal sind setzt sie Schritt für Schritt in diesem abschüssigen Gelände. Und das liegt nicht nur an den Blasen, die sie aufgrund des Schuhwerks mittlerweile unter beiden Füßen hat.

Ich kenne das von vielen geführten Wanderungen. Wer einmal das Vertrauen in die eigene Sicherheit verloren hat, fühlt sich plötzlich wie auf einem Drahtseil. Jetzt heißt es also, der Katze zur Seite zu stehen. Da der Steig viel zu schmal ist, um nebeneinander zu gehen, versuche ich zunächst, sie einfach an der Hand zu nehmen, während sie dicht hinter mir geht.

Aber sie merkt berechtigterweise an, dass ich sie wohl kaum halten kann, wenn wir beide verschwitzte Hände haben. Also, was tun? Mein Gürtel, das ist die Lösung. Ich binde ihr meinen Gürtel ums Handgelenk und drehe ihn mir einmal um die Faust, sodass er mir nicht direkt aus der Hand flutscht, falls sie stolpern sollte. Mitten in diesem schwierigen Gelände kommt uns ein dunkelhäutiger Mensch mit Sonnenbrille und Handy am Ohr entgegen. Was er wohl von an die Leine gelegten weiblichen Wanderern hält? Ich denke lieber nicht darüber nach.

Aber auch diese Herausforderung hat einmal ein Ende. Jetzt ist es nur noch ein knapper Kilometer bis Heimbach. Und was wir da erlebt haben, ist eine ganz andere Geschichte.

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Es gibt natürlich auch schon einen Link zum Nahesteig.

Und ausnahmsweise auch mal einen Link zur Streckenführung bei komoot:

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