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Am Tag als der Regen kam …

Eine roh gezimmerte Holzbank unter jungen Buchen im letzten Licht

Der Kupfer-Jaspis-Pfad – Traumschleife im Naheland

Ich weiß nicht, woran es lag. An der 20-km-Tour, die ich am Vortag mit Bruno aus Köln im Sahrbachtal unternommen hatte – und dass diese Tour mir noch in den Knochen steckte? Oder an dem Bier und dem Wodka, denen ich am Vorabend nach dem Spießbraten bei meiner Schwester allzu reichlich zugesprochen hatte? Lag es daran, dass ich mit dem Kopf durch die Wand wollte? Noch nie habe ich so viel geflucht wie auf dieser Tour über den Kupfer-Jaspis-Pfad.

Die ganze Woche schon war ich innerlich zerrissen. Einerseits die Vorfreude auf kräftige Herbststürme, andererseits das Gefühl, mich doch lieber in der Wohnung vergraben zu wollen, statt bei Wind und Regen rauszugehen. Am Samstag war eigentlich eine Tour im NP Eifel geplant (Über die Dreiborner Hochfläche), aber da mehr Regen als Wind angesagt war, hatte ich kurzerhand als Alternative eine Tour im Sahrbachtal vorgeschlagen. Keiner will mitwandern – einer nach dem andern sagt ab.

Einzig Bruno aus Köln deutet an, dass er ja vielleicht …  Am Freitag – ich sah mich schon das ganze Wochenende am Rechner verbringen – dann Brunos Mail, dass er sich auf die Sahrbachtaltour freut. Von einem Moment auf den andern ist alles Zaudern vergessen. Und am Samstag sind wir dann trotz Regens unterwegs. Aber diese Tour soll hier gar nicht beschrieben werden. Vielleicht führt das Gefühl, dass Wind und Wetter uns nicht viel anhaben können, bei mir im Sahrbachtal zum Entschluss, noch am selben Abend in den Hunsrück zu fahren, um am Sonntag den Kupfer-Jaspis-Pfad in Angriff zu nehmen.

Gesagt, getan. Abends geht es noch in den Hunsrück, perfektes Timing – der Spießbraten ist grade auf dem Tisch. Am nächsten Morgen bin ich schon kurz nach acht im Auto. Heute heißt es alleine wandern. In einer knappen Viertelstunde bin ich in Niederwörresbach am Parkplatz an der Mehrzweckhalle, wo das Eingangstor zur Tour ist. Es hat die ganze Nacht geregnet, aber als ich losziehe, hat es aufgehört. Schnell geht es aus dem Ort hinaus, hinein in den Wald.

Ein Tor, eine schmale Holzbrücke, der Einstieg zur Tour

Freundliche Einladung zu Beginn des Weges. Noch ahne ich nichts Böses (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Dunkle Tannen, ein Durchgang, dahinter ein dunkler, kaum erkennbarer Pfad

Oops, da soll ich jetzt rein? Ich hätte die Warnung nicht ignorieren dürfen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Und gleich beginnt der erste Anstieg. Relativ zügig geht es hinauf Richtung Gerach. Ich merke schnell, dass die 20 km vom Vortag mir noch in den Knochen stecken. Ich hatte den Fehler gemacht, mir beim Start bereits auszurechnen, wann ich wieder am Parkplatz bin. Vier bis viereinhalb Stunden habe ich im Kopf überschlagen. Dann müsste ich kurz nach Mittag schon diese Tour bewältigt haben. Aber so funktioniert das bei mir nicht. Ich muss den Druck rausnehmen, sonst habe ich nichts von der Tour.

Hohe Tannen, ein schmaler Waldweg, dustere Stimmung

Der Nadelwald steht stramm Spalier, wenigstens einer, der meinem Vorhaben Hochachtung entgegenbringt (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Und das würde auch dieser Tour nicht gerecht. Habe ich noch vor kurzem die Traumschleife Hahnenbachtal als schönsten Wanderweg Deutschlands gelobt, so muss ich heute mein Urteil korrigieren. Der Kupfer-Jaspis-Pfad ist mindestens genauso schön, ja, eigentlich noch vielseitiger und überraschender als erstere. Ich werde gar nicht alle Highlights, alle Aussichtspunkte, alle Panoramen aufzählen können. Es sind einfach zu viele. Ich will auch gar nicht den ganzen Weg beschreiben, den sollte man einfach gehen. Aber ein Warnhinweis vorweg: Jetzt im November ist das nicht ungefährlich, wie ich selber mehrfach erfahren musste. Mehrere Schichten von Laub, darunter glitschiger, lehmiger Boden, da sind Ausrutscher garantiert.

Eine Lichtung, ein grüner Acker, dunkle Bäume und darüber ein trüber Novemberhimmel

Sobald ich aus dem Wald herauskomme, verkündet der Himmel, dass wir November haben. Als wenn ich das nicht schon gemerkt hätte … (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Am Waldrand ein Blick über den grünen Acker, darüber lichtet sich der Himmel

Zartes Versprechen nur kurze Zeit später: Es könnte durchaus ein schöner Tag werden (Foto: H.-J. Schneider)

Es geht immer wieder hinaus auf die Hochfläche. Hier oben ist das Klima rau, das erlebe ich gleich mehrfach. Ein erstes Kleinod: Nachdem die Höhe gemeistert ist, geht es hinunter in die schmale Schlucht des Wahlenbaches. Alleine dafür hat sich schon die Tour gelohnt. Bis jetzt ist es noch relativ trocken, aber der Himmel zieht sich immer wieder zu. Und schon geht es wieder hinauf auf die Höhe Richtung Hintertiefenbach. Aber noch ist das ein weiter Weg.

Herbstlicher Jungwald im zarten Licht der Novembersonne

… und plötzlich Sonne. Aber wie lange? (Foto: Hans-Joachim Schneider

Davor liegt ein weiterer Aussichtspunkt, jetzt wirklich von allen Seiten dem Wind ausgesetzt: Ich grüße Dich, Bruder Wind. Schon bin ich ob des zweiten Anstiegs durchgeschwitzt, aber solange der Körper arbeitet, bleibt er warm und kann die Abkühlung durch die Außentemperaturen gut ausgleichen. Von der Kuppe geht es wieder leicht bergab, dann durch ein kleines Wäldchen, am Ende wieder hinaus über eine Wiese und schwupp, rutsche ich auf dem nassen Untergrund aus und lege mich zum ersten Mal lang.

Der erste, aber nicht der letzte Sturz

Es gelingt mir, mich mit den Händen etwas abzufangen, so werde ich weder nass noch schmutzig, dafür spüre ich beim Weitergehen ein böse Zerrung über dem linken Beckenkamm. Und natürlich merke ich den Muskelkater vom Vortag, das rechte Knie schmerzt und überhaupt, die alten Wanderschuhe, die ich heute angezogen habe, sind undicht: Seit geraumer Zeit habe ich nasse Füsse. Beim Abstützen habe ich beinahe noch den linken Arm ausgekugelt. Beim Weitergehen juckt und sticht es mich in der linken Hand. Es war aber keine Distel, in die ich beim Fall hineingegriffen habe, denn ich kann keine Stacheln finden. Ob ich meine Schwester anrufen soll, dass sie mich im nächsten Etappenort abholt…? Nein, kommt nicht in Frage. Kurz vor Hintertiefenbach dann eine Horde Hunde, dahinter die zugehörigen Spaziergänger: Keine Angst, die wollen doch nur spielen! Es reicht immerhin, dass ich den Abzweig des Kupfer-Jaspis-Pfades übersehe.

Ein schmaler Weg läuft auf eine Dornenhecke zu, ein schmaler Durchlass gewährt Zutritt

… und hinter dem Dornengestrüpp wartet Dornröschen … Lieber nicht, zum Prinzen eigne ich mich nicht! (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Nach ein paar Minuten fällt mir auf, dass es keine Wegzeichen mehr gibt. Also zurück und den Abzweig gesucht. Schnell geht es hinunter nach Hintertiefenbach und durch den Ort hindurch. Jetzt wird es etwas kühler, die ersten Regentropfen fallen. Durch ein weiteres Einstiegstor im Ort geht es wieder hinein in den Wald und natürlich wieder bergauf. Und hier habe ich zum ersten Mal den Eindruck, dass man den Weg in möglichst vielen Schleifen durch den Wald geführt hat. Im Zickzack geht es durch den herbstlichen Forst. Leute, das habt Ihr doch gar nicht nötig! Dieser Weg, diese Landschaft ist doch so reich an Überraschungen, an Schönheiten … Ich komme darauf zurück.

Ein Buchenzweig im matten Novemberlicht

Nicht zu verkennen: Das ist Novemberlicht (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Hoher herbstlicher Buchenwald, die letzten Sonnenstrahlen, bevor es zu regnen beginnt.

Noch einmal Sonne, dann fängt es an, zu schütten. (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Eine roh gezimmerte Holzbank unter jungen Buchen im letzten Licht

Vielleicht hätte ich die Einladung annehmen und einfach dableiben sollen (Foto: H.-J. Schneider)

Dichtes Astwerk von vielen jungen Buchen

Wie hieß das nochmal: Vor lauter Wald die Bäume nicht … (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Es geht in einem weiteren Auf und Ab Richtung Fischbach. Und jetzt fängt es richtig an zu regnen, Graupelschauer mischen sich unter das Nass. Nun wird der Weg rutschig. Der Boden unter dem Laub ist durch den ganzen Regen richtig matschig. Ein zweites Mal lege ich mich hin. Der Rücken bzw. die Lendenwirbelsäule bewegt sich inzwischen Richtung Hexenschuss, die Leistenbeuge links fühlt sich gelähmt, naja zumindest blockiert an, die Hüfte schmerzt ebenfalls. Und dazu die nassen Füsse, der Regen von oben, der Schweiß von innen. Meine Hose macht mittlerweile jedem Bauarbeiter Ehre.  Endlos zieht sich der Weg durch den Laubmischwald. Wieder schleicht sich der Gedanke in meinen Kopf, doch meine Schwester anzurufen …

Ein Rinnsal in einem kleinen Geländeeinschnitt, bunte Buchenblätter, es ist November

Nicht der erste …, und auch nicht der letzte Bach (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ein lichter junger Laubwald, ein Anstieg über künstlich angelegte Stufen.

Nicht er erste …, und auch nicht der letzte Anstieg (Foto: Hans-Joachim Schneider

Merkwürdiges Kraut am Wegesrand, vom Regen ganz nass

Merkwürdiges Kraut am Wegesrand, bisher ist es mir noch nie begegnet (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Geraume Zeit später stehe ich im Fischbachtal an der Bundesstraße, jetzt hat es sich eingeregnet. Schnell geht es hinüber auf die andere Straßenseite. Es ist mir schon fast egal, ob gerade ein Auto kommt. Neben dem Fischbach geht es nun auf den Ortseingang zu, und auch hier ist das Gras so nass, der lehmige Untergrund so rutschig, dass es mich abermals hinhaut. Das Kupferbergwerk (unbedingt sehenswert) schenke ich mir heute, ich bin schon mal da gewesen.

Auf der anderen Talseite heißt es wieder die Höhe zu erklimmen. Und schnell bin ich wieder auf der freien Hochfläche, wo der Regen mich mit Freuden empfängt. Er treibt mich vor sich her über die Wiesen. Ich reagiere mittlerweile trotzig. Ziehe die Kapuze meiner Outdoorjacke an, ziehe sie wieder ab, mir doch egal. Da die Brille auch ständig beschlagen ist, übersehe ich natürlich auch die nächste Abzweigung. Da ich im reinen Durchhaltemodus bin, fällt mir das diesmal erst relativ spät auf. Auch egal, wieder ein ganzes Stück zurück.

Am Waldrand junge Bäume und Büsche, manche noch grün, andere schon im Herbstkleid, darüber ein blauer HImmel

Ein kleines Versprechen auf Erlösung: Noch einmal die Sonne (Foto: H.-J. Schneider)

Eine Wiese, eine Kuppe, Dornengebüsch und tatsächlich noch immer blauer HImmel

Auch über der Kuppe spannt sich jetzt blauer Himmel (Foto: H.-J. Schneider)

Und da bricht plötzlich die Sonne hervor. Allerdings stehe ich just in diesem Augenblick wieder am Waldrand, tauche ein in den Wald. Hab also nicht soviel von der Sonne, außer dem Versprechen, dass es mal für eine Zeitlang nicht regnen wird. Jetzt geht es bergab, bergab, bergab. Und das ist wieder besonders tückisch. Wiederholt rutscht mein Fuß ab, aber immerhin, ich lege mich nicht mehr lang. Die Belohnung dafür ist nun ein weiteres Schmankerl (ich habe etliche ausgelassen, es waren so viele).

Ein grüner Wiesenpfad führt wieder hinein ins Gestrüpp

Doch schon schluckt mich wieder der Wald (Foto: H.-J. Schneider)

Von dem absteigenden Waldweg biegt der Kupfer-Jaspis-Pfad nach links in den Wald und bleibt jetzt für etliche Kilometer am Rand oberhalb des Hosenbaches. Und der hat es jetzt nach dem vielen Regen wirklich in sich. Hier heißt es nun besonders aufpassen. Auch an dieser Stelle liegt das Laub in mehreren Schichten. Wenn ich hier ausrutsche und die Böschung hinabstürze? Es sind an manchen Stellen bestimmt sechs, sieben Meter, die es steil hinab geht, und dort unten tost der Hosenbach in seinem steinigen Bett.

Jungwald, junge Stämme, so dicht gewachsen, dass beinahe kein Durchkommen ist

Auch sowas nennt man im Hunsrück Wald (Foto: H.-J. Schneider)

Kilometer für Kilometer fresse ich jetzt, spüre nur noch die müden Knochen, die schweren Beine. Die Hose trocknet schnell, die Multifunktionsbekleidung gar nicht. Fast ärgere ich mich über jeden Schlenker, den der Pfad in den Wald hinein macht. Warum nicht einfach mal auf dem Waldweg bleiben?

Nach vielen, vielen (gefühlten) Stunden führt der Weg allmählich weg vom Hosenbach, verläuft aber anfänglich noch immer im Tal. Eine weitere Schleife durch den Wald, wieder zurück auf den Weg, dann geht es plötzlich nach links ab, steiler bergauf.  Endlich lichtet sich der Wald, es geht im Sonnenschein hinauf auf die (hoffentlich) letzte Höhe. Die ersten Menschen (außer der Hundetruppe) begegnen mir heute auf dem Pfad. Auf der Kuppe geht es noch einmal in den Wald, in einer weiteren Schleife dann wieder quer hindurch, wieder raus auf die Hochfläche, wieder rein in den Wald, endlich bergab und endlich, endlich liegt Niederwörresbach wieder vor mir.

Im Auto habe ich Gott sei Dank trockene Klamotten, ich ziehe mich noch auf dem Parkplatz um (nur oben rum) und wechsele natürlich die Schuhe. Geschafft, aber glücklich beende ich eine anstrengende Tour.

Mein Fazit: Trotz der Anstrengung, trotz der vielen Ausrutscher, trotz des widrigen Klimas: Der Kupfer-Jaspis-Pfad gehört in die allererste Kategorie. Nie habe ich die Großartigkeit und die Vielseitigkeit der Hunsrück-Landschaft intensiver empfunden als hier auf diesem Weg. Aber (es gibt immer ein kleines Aber): Ein bisschen weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Der x-te Schlenker  durch den Wald ist dann irgendwann einer zu viel. Mit 17 oder 18 Kilometern wäre der Pfad auch für Normalwanderer  interessant; ich habe mit etlichen Leuten vor und nach der Tour gesprochen. Zwanzig Kilometer, das schreckt viele ab. Noch einmal: Der Kupfer-Jaspis-Pfad gehört ganz an die Spitze unter Deutschlands schönsten Wanderwegen. Im kommenden Frühjahr werde ich die Tour bestimmt noch einmal machen. Dann hoffentlich bei klarem Wetter.

Eine Übersicht über alle Traumschleifen am Saar-Hunsrück-Steig findest Du hier:

 Und hier noch der Link zu den Toureninformationen im Tourenplaner Rheinland-Pfalz!

2 Kommentare

  1. Andreas Nees sagt

    Ja ja der Kupfer Jaspis Pfad. Meine Hausstrecke, den ich so einmal im Monat gehe. Ich lege auch immer noch 4 km und ca 180 hm drauf weil ich von zuhause aus los Laufe. Aber du hast recht, er ist tückisch. Er ist anstrengend und manchmal unnötig lang gezogen. Aber das macht für mich auch etwas den Reiz des Pfades. Ich bin ihn jetzt ca. 20 mal gelaufen und entdecke immer noch mal was neues. Die verschiedenen Jahreszeiten verändern alles!! Viel Spaß beim nächsten mal, vielleicht bin ich ja auch gerade unterwegs auf dem Pfad!!!

    • Hans Joachim Schneider sagt

      Lieber Andreas, danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Ja, so habe ich es auch immer wieder erlebt. Jede Strecke sieht immer wieder anders aus, täglich gibt es was Neues zu entdecken. Darin liegt der Reiz des Wanderns. Das verpassen alle die, die nur nach spektakulären Routen schauen und jedes Wochenende woanders sind. Seit ein paar Jahren mache ich eigentlich nur noch Urlaub, indem ich in heimischen Regionen wandere und bin zutiefst zufrieden damit. Schöne Grüße, Joachim

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