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Die sieben Ahrtal-Gipfel

Blauer Himmel; Sonne, ein kümmerliches Holzkreuz auf einem Gipfel: Unbarmherzig brennt die Sonne auf das karges Holzkreuz, das unseren dritten Gipfel markiert (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Alle Achttausender rund um Altenahr an einem einzigen Tag

Nicht  “4 Tage – 4 Gipfel” – nein, alle Gipfel rund um Altenahr an einem einzigen Tag – ohne Sauerstoff und Sherpas.

Wir waren jung, wir waren ehrgeizig, wir waren verwegen. Das einzige, was wir mitbrachten, war ein klein wenig Erfahrung. Und wir waren gut – so gut, dass wir alle Seven Summits an einzigen Tag bezwangen.

70 Jahre alt wird er dieses Jahr – Reinhold Messner – unser großes Vorbild. Ihm zu Ehren wollten wir diese Strapazen in Kauf nehmen. Wir, das waren Knut – ein ehemaliger Klassenkamerad und Berggefährte – (Zitat: Du weißt, dass ich gerne senkrecht gehe.) und ich – einer der ersten, der sich vor Jahren in die bis dato noch unbekannte Wildnis des Ahrtals traute. Ja, früher hatten schon wagemutige Reisende über das wildromantische Ahrtal geschrieben. Aber Zweifel sind angebracht, ob sie jemals wirklich so tief dort eingedrungen waren, dass sie sich mit Fug und Recht als Entdecker bezeichnen dürfen. Erst vor wenigen Jahren gelang es mir auf einer Ein-Mann-Expedition soweit ins wilde Ahrgebirge vorzustoßen, dass ich auch mit den dort lebenden Einheimischen in Kontakt kam.

Kunst oder Schrumpfkopt: Maske in den Baumstamm geschitzt

Kunst oder Schrumpfkopt: Finden wir hier die Erklärung für das Verschwinden allzu neugieriger Besucher?(Foto: Hans-Joachim Schneider)

Sie erwiesen sich als nach außen hin freundliche Menschen. Es hält sich aber hartnäckig das Gerücht, dass bei den alljährlich zelebrierten Stammesritualen – den im Herbst stattfindenden sogenannten Weinfesten – immer wieder Besucher von außerhalb spurlos verschwinden und nie wieder auftauchen.

Soweit also zur Vorgeschichte. Knut schickte vor ein paar Tagen eine Mail. Er habe im “Siegerland” zu tun. Welch ein Omen. Ob wir nicht zusammen im wilden A(hr)bsurdistan eine Tour machen wollen. Mitten in der Woche. Als Anregung schickte er einen Tourenbericht mit, den eine hochgebirgsaffine Klettergruppe, die sogenannten Watzmänner, im Internet veröffentlicht hatte.

Die Herausforderung: Sieben Gipfel an einem Tag

Wir verabredeten uns für Mittwochmorgen um 7 Uhr in Kreuzberg im dortigen Gasthof zum Frühstück – letztes Mal Proviant fassen, bevor wir die strapaziöse Tour angehen wollten. Die erste schlechte Nachricht erreicht mich einen Tag vor dem geplanten Start. Frühstück gibt es erst ab 8 Uhr. Soviel also zum Thema Ahrtal und Zivilisation. Aber pünktlich um acht bin ich am nächsten Morgen vor Ort – auch Knut hat den langen Weg dorthin schon am Vorabend gemeistert. Aber die Chefin des hier ansässigen Gasthof-Stammes ist noch nicht da. Ohne ihren Segen (Frühstück) können wir nicht aufbrechen. Sie ist wohl noch auf der Jagd. Scheinbar ohne großen Erfolg. Entsprechend dürftig fällt also der Segen aus.

Ab hier: Ironiemodus (manchmal) aus: Um halb neun sind wir dann unterwegs. Mit dem Auto nach Altenburg. An der Seniorenresidenz wünscht uns eine alte Dame ganz freundlich einen wunderschönen Tag. Es geht erst einmal hinauf auf den Felsgrat, der zum Teufelsloch führt. Nebel liegt noch teilweise über dem Tal, er löst sich nur langsam auf. Aber es wird schon. Am Teufelsloch die erste kleine Überraschung: Brückenschlösser, wie man sie z.B. auch in Köln von der Hohenzollernbrücke kennt. Die Zivilisation erreicht allmählich in all ihren Spielarten auch das wilde Ahrtal. Aber das eine oder andere Schloss hat doch schon seine eigene Prägung und verrät uns einiges über das soziale Verhalten von Paaren der hier ansässigen Stämme.

Schlösser, Handschellen, an einem Geländer am Teufelsloch

Gefährden sie die ursprüngliche Kultur des Ahrtals – importierte Rituale aus der Zivilsation. Ist den Einheimischen die Bedeutung dieser Rituale bekannt? (Foto: Knut Hansen)

Das Teufelsloch kann uns nicht lange halten, es liegen noch so viele Gipfel vor uns. Weiter geht es zum Schwarzen Kreuz, das zählt heute aber nicht als Gipfel. Der Blick vom Schwarzen Kreuz sucht automatisch das nächste Ziel: Den Gipfel der Gipfel, das Tao der Suchenden, den Schicksalsberg der Kölner: die Engelsley. Hoffen wir, dass die Engel heute mit uns sind. Engel und Teufel scheinen in der Weltanschauung der Ahrtaler eine zentrale Rolle zu spielen, begegnen wir ihnen doch ständig in den Geschichten, die sie sich abends am Lagerfeuer erzählen.

Auf den heiligen Berg des Ahrtals

Da die Engelsley der heilige Berg der Altenahrer ist, liegt der Einstieg auch etwas versteckt. Nur Eingeweihte wissen, wo der steile und beschwerliche Pfad beginnt. Die Götter sind mit uns: Schnell ist der Einstieg gefunden, und der zähe Nebel lichtet sich auch immer mehr.

Wanderer im Wald im Gegenlicht beim Aufstieg auf die Engelslay, im Hintergrund Dunstschwaden über dem Tal

Ein langer beschwerlicher Anstieg, aber die Götter wie auch das Wetter sind auf unserer Seite (Foto: Knut Hansen)

Nach etlichen Windungen stehen wir erst einmal hoch oben über dem Tunnelportal, das die Territorien der nördlichen Stämme mit denen der  südlichen verbindet,  und blicken hinab auf das ansonsten doch so geschäftige Städtchen. Heute morgen ist es ruhig. Die Einheimischen – so wurde uns gesagt – bereiten sich mit Fasten und Gebeten auf die mehr als vierwöchigen Stammesfeierlichkeiten vor. Deshalb also sieht man so wenige von ihnen auf der Straße. Nur derjenige, der etwas ganz Dringendes zu erledigen hat, geht in diesen Tagen nach draußen. Trotz der intensiven körperlichen Vorbereitungen sollen aber auch Einheimische bei den mehr als vier Wochen dauernden Mannbarkeitsriten immer mal wieder unter die Räder kommen.

Ahrtal: Bewaldete grüne Hügel, darüber die Dunstschwaden eines frühen Sonnentages

Mit der aufgehenden Sonne verzieht sich auch der Nebel, mit ihm aber auch die mystische Stimmung (Foto: Knut Hansen)

Jetzt geht es hinüber zur Engelsley. Das Wetter ist mittlerweile herrrrrrlisch, wie der Kölner sagen würde. Auf dem Gipfel angekommen – natürlich mit keuchendem Atem wegen der dünnen Luft hier oben – genießen wir erst einmal das überwältigende Panorama. Dann fällt unser Blick auf einen kleinen Metallkasten am Gipfelkreuz, darin ein Gipfelbuch. Es waren also doch schon Menschen vor uns  hier oben. Und siehe da, ich selbst habe vor zwei Jahren einen Eintrag vorgenommen. Was ist mit mir damals passiert, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Hat die Sauerstoffnot damals alle Erinnerungen ausgelöscht, oder haben die bei den Stammesritualen verabreichten Drogen meinem Gedächtnis einen üblen Streich gespielt?

Gipfelbuch: ein altes Heft, weiße Seiten, zerfleddert, mit blauer Tinte beschrieben.

Ein alter Eintrag von mir im Gipfelbuch. Hab ich das wirklich vor zwei Jahren geschrieben? (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ein neues Gipfelbuch, ein neues Heft, ein neuer Eintrag

Ein neuer Eintrag. Mit Knut als Zeugen. (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Knut und ich genießen die Zeit hier oben. Wir lassen uns nieder, lassen uns die Sonne auf den Pelz brennen. Die Erholung tut not nach den Strapazen des Aufstiegs.

Ein Mann auf einem Felsen, ein Gipfelkreuz, darüber blauer Himmel: Knut entziffert die Hieroglyphen, die die wenigen Einheimischen, die schon hier oben waren, hinterlassen haben. Oder waren doch schon andere Besucher hier? (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Knut entziffert die Hieroglyphen, die die wenigen Einheimischen, die schon hier oben waren, hinterlassen haben. Oder waren doch schon andere Besucher hier? (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Der Autor blickt auf das unten im Tal liegende Altenahr

Dankbar schweift der Blick über die fremde Welt unten im Tal. (Foto: Knut Hansen)

Altenahr im Tal, darüber die Ruinen der Burg Are auf einem grünen Hügel

Fernes Ziel und doch so nah: Hoffentlich werden wir Burg Are am Abend erreichen (Foto: Knut Hansen)

Kleiner Einschub: Den Weg zum Südgipfel habe ich ca. 3 Wochen später alleine gemacht, bei der Tour mit Knut hatte ich ihn glatt vergessen. Sowas passiert. Und weil damit die Gipfel nicht vollzählig sind, werden wir die Tour Mitte Oktober noch einmal gemeinsam machen.

Ein bewaldeter Gipfel, darüber blauer Himmel: Der sagenumwobene Südgipfel, mythischer Ort, selten erreicht, nie beschrieben. (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Der sagenumwobene Südgipfel, mythischer Ort, selten erreicht, nie beschrieben. (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Der nächste Gipfel wartet schon.

Dann heißt es wieder: Der Berg ruft. Will sagen, der nächste Gipfel wartet. Von der Engelsley schwenkt der Blick hinüber zur Teufelsley oberhalb der Krähardt. Dort reckt sich ein hölzernes Gipfelkreuz in den mittlerweile stahlblauen Himmel (leichte Übertreibung). Aber, wer nach dort oben will, muss zunächst einmal wieder ins Tal absteigen. Da der Abstieg über den Südgipfel nicht möglich – weil nicht bekannt – war, gehen wir demselben Weg zurück, auf dem wir auch den Aufstieg gemeistert haben.

Ein kleiner Fluss, die Ahr, dahinter fast dschungelartige Ranken

Wochen später entdeckten wir die bis dahin noch unbekannte Südpassage durch den wilden Dschungel des Langfigtals (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Unterhalb des Feuerwehr-Hauses, dessen Bedeutung bei den Stammesritualen wir noch nicht genau erkunden konnten, geht es über eine eiserne Brücke über die Ahr.

Ein schmaler Weg, der Ahrsteig, links ein grünes Geländer mit Richtungsweisern für verschiedene Wanderwege.

Der Ahrsteig am Abzweig der eisernen Brücke mit Richtungsweisern (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Statt nun unten am Fluss zu bleiben, wählen wir den Aufstieg Richtung Reimerzhoven-Winterhardt. Zügig geht es bergan. Wir sind noch frisch, die bisherigen Gipfel haben uns noch nicht wirklich gefordert. Auf der Krähardt heißt es, Kräfte sammeln für den nächsten Gipfel, die Teufelsley. Aber sie ist keine Herausforderung, wenngleich linker Hand der Hang oft 10 bis 15 Meter abstürzt. Ein bisschen Klettern kurz vor dem Gipfelkreuz, dann gehört auch der dritte Gipfel uns.

Ein karges Holzkreuz vor dem strahlend blauen Himmel

Unbarmherzig brennt die Sonne auf das karge Holzkreuz, das unseren dritten Gipfel markiert (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ein weiterer Gipfel, eine verdiente Rast

Die Teufelsley ist nicht wirklich hoch. Das wird deutlich, wenn wir uns Richtung Süden wenden. Versteckt auf einer bewaldeten Kuppe liegt dort der Schrock. Keine Kletterei, kein Felsgrat, kein Abhang, sondern stures, steiles Ansteigen auf Waldwegen und Pfaden. Längst hat uns der Eichenwald, der hier überall wächst, mit seinem mythischen Zauber im weichen Herbstlicht eingefangen. Der Schrock ist also Gipfel Nummer 4. Jetzt geht es noch ein Stück weiter hinauf, wenn auch in etwas gemächlicherer Steigung. Jetzt wartet der ästhetische Höhepunkt der heutigen Tour und zugleich Gipfel Nr. 5 – der Steinerberg mit seinem unübertrefflichen Ausblick Richtung Südeifel. Es ist kaum zu glauben, aber bei aller Weite, bei der Vielzahl der Täler, Hügel und Einschnitte sieht man Richtung Süden fast nur Wald.

Ein Tisch in Orange, Kuchen, Kaffee und Bier und der Autor bei einer Stärkung

Einkehr und Stärkung auf dem Steinerberg (Foto: Knut Hansen)

Nun haben wir sie alle auf der südlichen Talseite, die wir uns für heute vorgenommen hatten. In einem langen gemächlichen Abstieg geht es hinunter nach Mayschoß. Als ich die Tour (wie oben schon angedeutet) Anfang Oktober wiederhole, sieht man von der Saffenburg aus, was alles auf dem Rotweinwanderweg los ist. Nicht umsonst trägt dieser bekannte deutsche Themenwanderweg auch das Etikett Wanderautobahn.

Ein Blich zum gegenüberliegenden Hang, ein Wanderweg mit vielen Menschen: der Rotweinwanderweg

Gottseidank nicht unser Weg: Wanderautobahn Rotweinwanderweg an einem Oktoberwochenende (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Die Strapazen fordern ihr Tribut

In Mayschoß zieren unzählige Wohnmobile den Parkplatz vor dem Bahnhof. Man feiert gerne Weinfest in Mayschoß, nicht nur die Einheimischen, wie man hier sehen kann. Hier wechseln wir die Talseite. Die Beine werden langsam schwer. Die Hitze staut sich im Tal. Langsam kommen Zweifel auf, ob wir uns nicht doch ein wenig zu viel zugemutet haben. Auf halbem Weg zum Ümerich lockt eine Bank. Wir legen eine Pause ein – eine lange Pause. Als ich wieder aufstehe, habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich erholt habe. Aber der Wille ist noch da. Also geht es weiter. Wir trotten langsam nach oben. Und laufen glatt am Abzweig zum Mohrenkopf (Gipfel Nr. 6) vorbei. Damit der Gipfel auch zählt, gehört er natürlich zur Tour, die ich Anfang Oktober wiederhole.

Ein Fels im Sonnenschein, ein langer Schatten

Der Mohrenkopf (liebe Ahrtaler wie heißt das politisch korrekt) darf bei unserem Gipfel-Count nicht fehlen (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Und auch der letzte ist gemeistert

Schließlich erreichen wir noch den Ümerich (Gipfel Nr. 7). Der Weg dahin, in der späten Nachmittagshitze, mit den Krüppeleichen und dem noch blühenden Heidekraut lässt mich denken, ich sei in der Macchia auf Sardinien oder in den Hügeln der Provence.

Niedrige Krüppeleichen, Heidekraut, junge Bäume im Sonnenlicht: Alles duftet wie in der Provence

Die Hitze des Nachmittags, das weiche Licht, die Steineichen und das Heidekraut lassen mich glauben, ich sei in der zivilisierten Breiten der Provence (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Ein kleiner Anstieg, der Autor zwischen grünen Büschen

Kurz vor dem Ümerich, der Autor (Foto: Knut Hansen)

 

Hier noch einmal zur Wetterfahne auf dem Gipfel, ein Foto Richtung Mayschoß, dann geht es weiter. Auf dem RWWW geht es jetzt noch hinüber nach Altenahr. Oberhalb von Altenahr unser letzter Aufstieg zur Burg Are – zählt die eigentlich als Gipfel?

Blick vom Ümerich auf das im Tal liegende Mayschoss, die Häuser verteilen sich um den Weinberg im Zentrum des Ortes

Sagenumwobenes, legendäres Mayschoß. Wohl um keinen Stamm ranken sich mehr geheimnisvolle Gerüchte als um diesen (Foto: Knut Hansen).

Nun noch hinunter ins Städtchen, wo uns ein paar in sich gekehrte Einheimische über den Weg laufen, Einkehr im Garten des Hotels Ruland, wo man fremden Besuchern gegenüber mittlerweile recht aufgeschlossen begegnet, dann noch entlang der Ahr bis nach Altenburg. Irgendwie haben wir vergessen, unsere epochale Leistung zu feiern. Egal. Mitte Oktober werden wir einen neuen Angriff starten. Diesmal mit einer neuen Route aber dem gleichen Ziel: Die Sieben Gipfel rund um Altenahr.

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